Das Pragmatismus – Prinzip

Ein Denkanstoß zur Kommunikation

Ein Essay von Bertrand Huber

Die vielen Unterrichtsjahre mit allen sinnvollen und sinnlosen Umbrüchen haben mir Gleichmut gelehrt und gelassene Toleranz. In dieser stoischen Haltung gestärkt hat mich der Satz des deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der Andere recht haben könnte“.

Ich habe in all den Jahren auf das Prinzip gesetzt, auf Prinzipien zu verzichten und pragmatisch zu sein, denn die Stärke des Pragmatismus besteht darin, dass hier kein Masterplan das Handeln vorgibt und das Fehlen eines solchen so gar nicht als Problem, sondern als Ausgangspunkt für ein offenes Denken steht. Es stimmt, der Pragmatismus ist kein Inhalt, aber er ist jene Form, der alle Inhalte zulässt, um sie im Wettbewerb der Ideen einer Lösung zuzuführen. Denn im Umgang mit dem Neuen hilft kein sich Versperren davor, es hilft auch kein vorgefertigtes Regelwerk, sondern die Bereitschaft, sich auf Neuland einzulassen auf der Basis des griechischen pragma, was Handlung bedeutet, oder etwas gedehnter ausgedrückt, handlungsorientiert heißen kann. Daraus resultiert, dass alles Neue zunächst mal nicht besser oder schlechter ist, sondern gestaltbar.

Ich sehe in dieser Haltung eine Art Lösungsmetapher für den Konflikt zwischen Fortschrittsglauben und Nostalgie, zwischen dem Fremden und dem Vertrauten. Das Pragmatismus-Prinzip räumt durch die offene Auseinandersetzung mit vielen Missverständnissen auf, das dialektische Ringen beendet die einfachen Antworten auf eine komplexe Welt, indem man sich nicht vom Autopiloten durch die Schule steuern lässt, es weist den Weg, wie man brauchbare Inhalte zur Gegenwart findet. „Nie halten wir uns an die gegenwärtige Zeit. Wir nehmen das Zukünftige hin, als käme es zu langsam, oder wir rufen das Vergangene zurück, als entschwände es zu rasch. So dumm sind wir, dass wir in Zeiten umherirren, die überhaupt nicht unsere sind, und an die einzige Zeit, die uns gehört, gar nicht denken“, schreibt der französische Philosoph Blaise Pascal. Und Agnes Heller fügt in einem ihrer letzten Interviews vor ihrem Tode hinzu: „Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, wir tun nur in der Gegenwart unsere Pflicht.“ Das Gestalten der Gegenwart macht uns also gelassen, weil wir uns nicht beschränken, an eine ungewisse Zukunft zu hoffen oder uns an das Vergangene klammern, sondern uns im Jetzt gestaltend einbringen. Vorurteilsfrei. Von Fall zu Fall. Von Mensch zu Mensch.

Neuigkeiten zwingen uns, Vertrautes kritisch zu hinterfragen und bei unseren neu gewonnenen Einschätzungen müssen wir nach Gadamer die Grundhaltung einnehmen, dass die andere Seite nicht einfach nur falsch liegt. Ich wünsche mir daher mehr Irritation, die den Blick weitet, auch dorthin, wo man das vermeintlich Falsche vermutet. Ich wünsche mir Unterbrechungen im blinden Fortschrittsglauben, so wie ich mir auch wünsche, argumentative Schutzmauern um nostalgische Standpunkte abzubauen. Ich wünsche mir, dass Menschen sich trauen, offen aufeinander zuzugehen auf der Grundlage des Zitates von Goethe aus Faust I: „Was du geerbt von deinen Vätern hast /erwirb es/ um es zu besitzen.“ Aus dem aktiven Prozess des  Erwerbens, des Gestaltens, resultiert im Sinne von Thomas Mann die konservative Erneuerung, die besagt, dass man die eigene Vergangenheit, das eigene Umfeld verinnerlichen soll und ihre Inhalte in der Kommunikation mit anderen so erneuert, dass sie brauchbare Antworten auf die Gegenwart geben kann. In dieser konservativen Erneuerung bildet der Mensch in seinen Anlagen und in seiner Würde die Konstante, um welche herum sich die Erneuerungen drehen, bedingt durch gesellschaftliche oder wissenschaftliche Veränderungen. Die Konstante und die Erneuerungen sind permanent und pragmatisch in einem offenen Dialog aufeinander abzustimmen.

Diesen offenen Dialog illustriert der Journalist Dirk von Gehlen in seinem Aufsatz „Das Pragmatismus-Prinzip“ mithilfe eines Bildes, das zwei Menschen zeigt, die von gegenüberliegenden Seiten auf eine auf den Boden gemalte Ziffer blicken. Dem Einen erscheint die Ziffer als 6, dem Anderen als 9. Beide Seiten sehen richtig. Der Streit darüber, wer in diesem Fall richtig liegt, ist eine Frage der Perspektive und kann nur gelöst werden, wenn beide die Empathie aufbringen, den Blick des Anderen zu akzeptieren, um daraus gemeinsam begehbare Wege zu suchen.

Das Pragmatismus-Prinzip ist somit die Position, welche den Wettbewerb zwischen den Ideen erst zulässt. Damit dieser gelingt, muss man sich mit den Vorstellungen, welche hinter den Zahlen 6 oder 9 stehen,  auseinandersetzen, um in einem vorurteilsfreien Dialog nach Antworten zu suchen. „Was die Zukunft betrifft“, so Karl Popper, „sollen wir nicht versuchen zu prophezeien, sondern nur versuchen, moralisch richtig und verantwortlich zu handeln. Das macht es aber zur Pflicht, dass wir lernen, die Gegenwart richtig zu sehen und nicht durch die farbige Brille einer Ideologie“. Oder durch die Brille einer vorgefertigten Meinung, möchte ich ergänzen. „Die Zukunft ist offen“, fuhr er fort, „und wir sind verantwortlich dafür, unser Bestes zu tun, um die Zukunft noch besser zu machen, als es die Gegenwart ist“.