Pädagogischer Halbtag mit Professor Willi Stadelmann

Use it or lose it ist eine der zentralen Aussagen der breit angelegten Ausführungen von Professor Willi Stadelmann am Pädagogischen Halbtag. Die Rede ist vom menschlichen Gehirn, dessen Netzwerk sich fortlaufend auf- und umbaut, wenn es genutzt wird. Üben, üben, üben… Die Strasse zum Erfolg besteht aus einem jahrelangen, zielstrebigen Üben…

„Lernen, Begabung, Intelligenz und Kompetenz aus Sicht der Lern- und Schulforschung, insbesondere der kognitiven Neuropsychologie“ lautete das Thema an unserem Pädagogischen Halbtag am 25. September 2017, zu dem der aus der Schweiz angereiste Professor, Naturwissenschaftler, Pädagoge und ehemaliger Rektor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz anschaulich referierte, ohne den einen oder anderen ironischen Einwurf zu scheuen.

In seiner Einführung verwies Direktor Martin Holzner auf den Planungsprozess zu dieser Fortbildung für die Lehrerschaft und die Pädagogischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Aus der Themensammlung im Kollegium hatte die AG Unterrichtsentwicklung und die AG schulinterne Lehrerfortbildung einen Themenschwerpunkt für die nächsten drei Jahre ausgewählt: Lernen fördern: differenzieren und bewerten. Die Auftaktveranstaltung sollte dem Lernen aus der Sicht der kognitiven Neuropsychologie gewidmet sein.

Ausgehend von der UN-Konvention über die Rechte des Kindes Art. 29:

„Die Bildung jedes Kindes muss darauf gerichtet sein, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung zu bringen“ ging der erfahrene Forscher Professor Stadelman ausführlich auf das Lernen als lebenslangen individuellen Prozess ein, auf die Heterogenität und darauf, dass Menschen Unikate sind. Sich auf die Epigenetik und auf E.P. Fischer 2017 berufend, wies er gängige Erklärungen über die Vererbung von Begabung und Intelligenz zurück. Wenn nämlich die äusseren Umstände, die zu einem Leben gehören und auf die Menschen reagieren, sich im tiefsten Inneren ihrer Zellen niederschlagen kann, wie es die Forschung belegt, dann können solche Änderungen bei der Weitergabe zur nächsten Generation erhalten bleiben.

«Gene» sind nicht einfach, «Gene» können werden, und zwar dauernd und immer wieder neu, je nach Umwelt- und Inwelt-Einflüssen. Es gibt kein Begabungsgen und kein Intelligenzgen!

Erbfaktoren und Umwelt sind beim Lernen und bei der Begabungs- und Intelligenz-entwicklung derart innig miteinander gekoppelt, dass keine getrennten Wirkungen fest-gehalten werden können. Das Eine ohne das Andere kann nicht wirken.

Sicher sei, führte der Forscher mit Nachdruck aus, dass ohne Erbfaktoren gar nichts funktioniere, aber Erbfaktoren sind die (veränderbaren) Potenziale eines Menschen. Sie bestimmen seine kognitiven Entwicklungs-Möglichkeiten, ob die Möglichkeiten «ausgeschöpft» werden, hängt von der Umwelt ab.

Ob Lernen erfolgreich und nachhaltig wird, liegt letztlich bei den Lernenden. Ihre eigene Aktivität bestimmt die Qualität ihrer Lernprozesse.

Die Lernbiografie prägt den Menschen zum Individuum, zum Unikat. Ziel aller didaktischen Massnahmen müsse die Anregung der Lernenden zum „Selbst- Tun“ sein, sowohl zum äusserlichen als auch zum verinnerlichten Tun.

Um zu verstehen, wie Jugendliche und Erwachsene lernen, müsse man verstehen, wie Kinder lernen, ist Professor Stadelmann überzeugt.

Anhand der Modellvorstellung von A. Neubauer G&G 8/2014 für den Unterschied zwischen kindlichem Lernen und Erwachsenenlernen könne dies nachvollzogen werden, weil der Unterschied deutlich werde:

Kindliches Lernen: Strukturen aufbauen, stabilisieren, schneller machen, optimieren (pruning). Hohe Plastizität. Kristalline und fluide Intelligenz entwickeln.

Erwachsenenlernen: Strukturen ergänzen, reorganisieren, erweitern, verbinden; reflektieren; Lernstrategien anwenden. Kristalline Intelligenz steigern. Fluide Intelligenz kaum noch entwickelbar.

Die fluide Intelligenz hat einen Höhepunkt im jungen Erwachsenenalter und verringert sich dann kontinuierlich. Die kristalline Intelligenz steigert sich graduell, sie bleibt relativ stabil während der Lebenszeit und beginnt sich erst mit 65 zu verringern.

Neues kann nur dann erfolgreich gelernt werden, wenn es Lerner und Lernerinnen in ihre Wissens- und Denkstrukturen einbauen können. Neues Wissen und Verhalten, neue Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen an bisheriges ‘andocken’.

Dass es sich insgesamt grundsätzlich nicht um vollkommen neue Erkenntnisse handle, belegte der ehemalige Rektor anhand von verschiedenen Zitaten über «Lernen», die seit vielen Jahrhunderten bekannt sind. Man kann einen Menschen nicht lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu tun. Diese Aussage habe Galileo Galilei bereits im ausgehenden 16. Jh. schriftlich festgehalten.

(Quelle: Präsentation von Professor Willi Stadelmann am 25.09.2017)