Vom Schulfrust zur Lernlust

Am 27. März lud der Elternrat zu einer Fortbildungsveranstaltung unter dem Titel „Fokus Motivation – Was Schüler/innen zum optimalen Lernen brauchen“ in die Aula der Schulstelle Verdistraße. Die Psychologin und Lernberaterin Heike Torggler gestaltete einen fachlich hochwertigen und auch aktivierend-vergnüglichen Abend für die etwa 50 Eltern und Lehrpersonen.

Am Beginn des Referats stand die Frage, ob Schulfrust oder Lernlust den Schulalltag dominieren. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller Jugendlichen zumindest zeitweise unter Schulangst leiden. Zwar geben nicht weniger als 98% der Befragten an, gerne etwas Neues dazuzulernen, nur 48% treten aber gerne in Konkurrenz zu anderen. Um dem Druck zu entkommen, gibt es zahlreiche Fluchtmechanismen für Jugendliche, letzthin ganz besonders die Flucht in die digitale Welt.

Immer wieder können wir aber beobachten, dass Lernen am Anfang eines menschlichen Lebens mit großer Lust verbunden ist, die dann sukzessive verloren gehen kann. Dazu zeigte die Referentin auf, wie frühkindliches Lernen funktioniert: Es findet selbstbestimmt und spielerisch mit allen Sinnen statt, ohne Leistungs- und Erwartungsdruck in einem natürlichen Wechsel von Aktivität und Entspannung. Demgegenüber ist schulisches Lernen von festgelegten Arbeitsstrukturen geprägt. Lernen findet dort vielfach fremdbestimmt statt, der Lernstoff entspricht nicht immer den Interessen der Schüler/innen. Neu ist auch die gezielte Rückmeldung zu Resultaten des Lernprozesses von außen – das birgt Frustpotential.

In diesem Lernumfeld kann es in einer ungünstigen Konstellation zu sogenanntem „Bulimie-Lernen“ kommen: Wissen in sich hineinstopfen, um dieses bei einer Prüfung wieder auszuspucken. Dieses rein leistungsorientierte Lernen kann extrem demotivierend wirken. Das soll aber nicht den Rückschluss zulassen, dass Kinder und Jugendliche keinem Leistungsdruck ausgesetzt werden sollten oder Leistung als solches negativ zu sehen sei. Der Neurobiologe Gerald Hüther bringt erfolgreiches Lernen auf eine griffige Formel: Kinder brauchen Gemeinschaft, Aufgaben und Vorbilder. Hohe Motivation entsteht durch eine hohe Attraktivität des Ziels multipliziert mit dem Vertrauen auf Erfolg.

Welche Ziele kann ein Jugendlicher verfolgen? Die Forschung fasst dazu drei Zielkategorien zusammen:

  • leistungsorientierte Ziele
  • Lernziele
  • soziale Ziele

Besonders erfolgreich sind jene Lerner/innen, die zwei oder alle drei Ziele miteinander kombinieren können. Insbesondere die Kombination von Leistungszielen mit selbstgesetzten Lernzielen erweist sich als dienlich. Das bedeutet, dass Leistung sehr wohl motivierend wirken kann, wenn sie nicht das einzige Ziel, die einzige Motivation darstellen.

Welche Voraussetzungen braucht es nun, um die Lernfreude zu erhalten?

An erster Stelle steht das psychische und physische Wohlbefinden als Grundbedürfnis. Darüber hinaus gibt es aber drei wesentliche Punkte: Der Wunsch jedes Menschen nach sozialem Eingebundensein, das Gefühl der Kompetenz und das Streben nach Autonomie. Überraschenderweise führt weder Belohnung (und Bestrafung), etwa durch Noten, noch Lob zu einer nachhaltigen Befriedigung dieser Bedürfnisse und damit zu höherer Motivation. Insbesondere eine Veränderung des Lobbegriffes fällt dabei ins Auge: Die moderne Forschung gehe immer mehr davon ab, dem Lob an und für sich motivierende und besonders leistungsfördernde Wirkung zuzuschreiben, da es ebenso wie die Belohnung ausschließlich an Leistung orientiert sei und Jugendliche zu gezieltem Verhalten anstifte: Was muss ich tun, damit ich gelobt werde?

Nachhaltiges Lernen und hohe Motivation hingegen entsteht nicht durch Lob und Belohnung, sondern durch Anerkennung und Selbstwirksamkeit. Gerald Hüther hält fest, dass es dafür

  • Ausdauer
  • Übung und
  • Anstrengung

brauche. Zentral ist dabei leistungsunabhängige Wertschätzung: „Ich werde auch gemocht, wenn ich mal nicht ‚funktioniere‘“. Gutes Lernen entsteht durch Beziehung, wie auch die Hattie-Studie festgestellt habe. Die Rolle des Vorbilds ist dabei von entscheidender Bedeutung. Wenn die Vorbilder selbst Konsequenz zeigen, fällt es leichter, Jugendliche in die notwendige Verantwortung zu nehmen.

In diesem Zusammenhang erläuterte Heike Torggler die wichtige Rolle der Emotionen. Es mache sich bezahlt, Lernen schmackhaft und als aktiven Prozess zu gestalten und die Lernkapazität als begrenzt zu akzeptieren. Den Beteiligten muss klar sein, dass Lernen Training ist, Energie und Vernetzung braucht und Stress in der richtigen Balance eingesetzt werden muss: weder Unterforderung, noch Überforderung.

Eltern und Lehrpersonen können helfen, die Lernmotivation hoch zu halten, indem sie

  • Engagement anerkennen,
  • individuelle Interessen und Ziele verstehen und akzeptieren,
  • Stärken hervorheben,
  • Forderungen begründen und
  • Lerntraining unterstützen.

So können Jugendliche neue Schritte wagen, die zu Erfolgserlebnissen führen.