Empört euch!

Für eine zukunftsorientierte Schule

In letzter Zeit häufen sich Aussagen von Politikern, die jegliche Wertschätzung der Arbeit von Lehrpersonen vermissen lassen und unsere Tätigkeit in ein schiefes Licht rücken, ohne sich wohl jemals näher mit dem Berufsbild eines Lehrers und seinen Aufgaben auseinandergesetzt zu haben.

Wir verurteilen aufs Schärfste Aussagen wie: „Bezahlte Stunden auch arbeiten“ (Dolomiten 15.10.2012), „60 Minuten bezahlt bekommen und nur 45 Minuten arbeiten, geht nicht.“, „Es muss klar sein, dass für Stunden bezahlt wird und folglich auch die Leistung zu erbringen ist.“ (LR Widmann, Dolomiten 15.10.2012), „Lehrer arbeiten nur 20 Stunden in der Woche.“

Unsere Arbeit an der Oberschule umfasst eine Vielzahl an völlig unterschiedlichen Tätigkeiten  und  besteht nicht nur aus der reinen Unterrichtszeit in der Klasse. Der wöchentliche Unterrichtsstundenplan umfasst an den Oberschulen 20 Stunden. Dieser Unterrichtsstundenplan ist mit Artikel 6 des Landeskollektivvertrags (LKV) klar und deutlich geregelt und beinhaltet verschiedenste Arbeiten mit den Schülern. Liegt die Lehrstuhlverpflichtung einer Lehrperson unter 20 Stunden (was bei den jetzt schon geltenden Sparmaßnahmen immer seltener vorkommt), so werden die Reststunden für andere Tätigkeiten (u.a. Bereitschaftsdienst, Supplenzen, Stütz- und Förderkurse, Betreuung von Leistungsgruppen, pädagogisch-didaktische Bibliotheksarbeit, informationstechnische und multimediale Dienste, Durchführung von Projekten) verwendet.

Jeder Lehrer an der Oberschule muss also laut LKV 20 Stunden Unterricht bzw. Arbeit mit dem Schüler ableisten. Da die Unterrichtsstunde in Südtirol nicht 60 Minuten, sondern aus technischen Gründen 50 Minuten beträgt (wie in anderen europäischen Ländern gang und gäbe), befindet sich die Lehrperson also immer in einer „Minuten-Bringschuld“. Die Lehrpersonen bringen deshalb, wie im Übergangsvertrag aus dem Jahre 2006 geregelt, die verbleibende Zeit mit folgenden Tätigkeiten im Forfait (pauschal) ein: Morgen-, Pausen- und Mittagsaufsichten, Begleitung von Lehrausgängen, -ausflügen und mehrtägigen Fahrten über den Tagesstundenplan hinaus, Tätigkeiten im Zusammenhang mit individueller Lernberatung,  Dokumentation der Kompetenzen.

Zusätzlich zur Unterrichtsverpflichtung von 20 Stunden die Woche kommt eine Vielzahl an völlig unterschiedlichen Tätigkeiten, die unter Artikel 8 LKV angeführt sind und bis zu 220 Jahresstunden umfassen. Zur reinen Unterrichtstätigkeit und den Tätigkeiten im Forfait kommen also: Arbeiten in verschiedenen Gremien (Schulrat, Direktionsrat, Lehrerkollegium, Klassenrat, Fach-, Arbeits- und Planungsgruppen), Elternarbeit und individuelle Kontakte mit Familien (persönliche Sprechstunden mit Schülern und Eltern, Sprechtage, Elternabende), die persönliche Weiter- und Fortbildung, Durchführung von unterrichtsbegleitenden Veranstaltungen und alle anderen Tätigkeiten, die mit dem Unterricht zusammenhängen. Zu all diesen Tätigkeiten kommt die Teilnahme an Vor- und Bewertungskonferenzen, Nach-, Eignungs-, und Aufholprüfungen und die Abschlussprüfung. Nicht zu vergessen die „unsichtbare“ Arbeit, die einen großen zeitlichen Aufwand darstellt und mangels geeigneter und entsprechend ausgerüsteter Arbeitsplätze an der Schule großteils zu Hause in privat finanzierten Arbeitsräumen oder -ecken, mit privat finanzierten, steuerlich nicht absetzbaren Arbeitsgeräten und Materialien stattfindet; die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Erstellung von Unterrichtsmaterialien und Unterrichtseinheiten, Planung von Projekten und schließlich (!) die Korrekturen. Nicht sichtbar und schon gar nicht gezählt werden die sogenannten Warte- und Wegezeiten, die zahlreichen „Lochstunden“, Stunden, die man zwischen der einen und anderen Unterrichtsstunde an der Schule verbringt, und die Zeit, die für das Pendeln zwischen den Schulstellen anfallen.

Die Qualität der Schule in Südtirol resultiert aus der Bereitschaft zahlreicher motivierter Lehrpersonen, diese Aufgaben kompetent und verlässlich auszuführen. Wenn nun zu wiederholtem Male unterstellt wird, dass Lehrpersonen die im Kollektivvertrag vorgesehenen Stunden nicht leisten, „60 Minuten bezahlt bekommen und nur 45 Minuten arbeiten, geht nicht.“ (LR Widmann, Dolomiten 15.10.2012), ist das gerade für Lehrkräfte, die nicht mit der Stechuhr und daher auch in der unterrichtsfreien Zeit ihre Arbeit leisten, ein Hohn. Qualitative Bildung und Erziehung kann man nicht in Minuten zählen, „Minutenzählerei ist für Südtirols Schule nur kontraproduktiv“ (Martina Adami, Dolomiten 5.11.2012), sondern sie ergibt sich aus dem Engagement und der Motivation von Lehrpersonen, die bereit sind, Zeit und Energie in die Arbeit mit Jugendlichen zu investieren und sie bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten. Die Arbeitsbelastung des Lehrers noch weiter zu steigern ist nicht zumutbar. APOLLIS-Studie zur Arbeitsbelastung der Lehrer von 2006 (http://www.apollis.it/download/19d459_v1.pdf).

Die Landesregierung beabsichtigt außerdem starke Einschnitte bei der Stundenvergütung im Außendienst (ein- und mehrtägige Ausflüge) und den Verpflegungskosten. So soll in Zukunft das Begleitgeld um die Hälfte auf 1,40 € brutto pro Stunde reduziert und nur mehr für 16 Stunden pro Tag ausbezahlt werden, obwohl die Begleitpersonen eine Aufsichtspflicht von 24 Stunden haben und somit auch 24 Stunden am Tag für die Schüler verantwortlich sind. Dies unterstreicht die Unkenntnis über die Arbeit der Lehrpersonen und mangelnde Wertschätzung.

Die rufschädigende Diskussion um scheinbar nicht geleistete Minuten, die geplante Erhöhung der Arbeitszeit und die Beschneidung der Vergütungen im Außendienst empören uns Lehrpersonen und demotivieren uns in unserem Einsatz für eine zukunftsorientierte Bildung zu Gunsten unserer Jugendlichen. Die geplanten Sparmaßnahmen im Bildungsbereich treffen in erster Linie die Qualität des Unterrichts und somit Schülerinnen und Schüler. Das Angebot der Südtiroler Schulen, das eine weltoffene, interkulturelle und mehrsprachige Bildung zum Ziel hat(te), wird kleiner werden und vielleicht gänzlich verschwinden. Daraus ergibt sich ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsnachteil für die Jugendlichen: Ihr Bildungscurriculum wird dann schmäler und weniger praxisorientiert. Bildung und Ausbildung müssen sich auf den Unterricht in den Klassen konzentrieren. Eine individuelle Betreuung von Schülern mit Lernschwierigkeiten wird kaum noch möglich sein. Auch die ständig eingeforderte Differenzierung im Unterricht ist vom Lehrer wohl nicht mehr zu leisten. Der Freiraum für die persönliche Bildung wird stark eingeschränkt sein.

Wir sind immer zu einem Diskurs über die Schule der Zukunft bereit, wir arbeiten konstruktiv an neuen Unterrichtsmodellen und Visionen von Schule im Wissen um unsere Bedeutung für Gesellschaft und Zukunft. Trotzdem wird der Lehrer regelmäßig zum Feindbild und zur Zielscheibe für Beleidigungen und Angriffe aus politischem und medialem Lager. Der Usus, über unsere Köpfe hinweg über Schule zu entscheiden und selbst kollektivvertraglich verankerte Rechte zu übergehen, trägt nicht zu einer vertrauensbildenden Zusammenarbeit zwischen Schule und Politik bei.

 

Engagiert euch!

 

Dieser Brief soll ein Denkanstoß an alle sein:

• Welchen Stellenwert hat der Lehrer in unserer Gesellschaft?

• Was ist uns die Bildung und Erziehung unserer Kinder wert?

• Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um ein motivierendes Arbeitsklima und engagiertes, offenes Arbeiten für alle möglich zu machen?

• Kann es sein, dass die öffentliche Schule immer wieder herhalten muss, wenn wieder der Sparstift angesetzt wird?  

• Führen die Herabsetzung einer ganzen Berufskategorie, die massive Beschneidung der Schulautonomie und der Rechte des Schulpersonals wirklich zu einer Qualitätssteigerung der Schule?

 

Wir wundern uns, dass die Verantwortlichen im Schulamt nicht entschieden für uns Position ergreifen.

Wir laden alle Direktoren, Eltern und Schüler, alle Bürger dazu ein, unsere Anliegen zu unterstützen und sich mit uns für eine offene Schule einzusetzen.

Wir fordern die Landesregierung auf, die anstehenden Entscheidungen im Entwurf des Finanzgesetzes zu überdenken und bessere, gerechtere Lösungen zu suchen.

 

Letzten Endes geht es um die Qualität der Schule.

 

Verfasst von Norbert Dejori, Petra Deutsch, Romano Kohlmayer, Karin Mazzari, Eva Tessadri für das Lehrerkollegium des Sozialwissenschaftlichen, Klassischen, Sprachen- und Kunstgymnasiums Meran

 

Meran, den 12. November 2012