Fernunterricht an Südtirols Schulen

Selbstversuch als Change Manager

Krisen führen oft zu ungeahnten Entwicklungen, alte Muster funktionieren nicht mehr und der Mensch sucht nach neuen Wegen. Potentiale werden frei, Hierarchien in Frage gestellt, Arbeitsabläufe verändern sich mit ungewohnter Geschwindigkeit.

„Change Management“ – ist das Zauberwort, mit dem Coaches Unternehmen für neue Herausforderungen fit machen. Kaum ein „Change Management Coach“ sieht aber vor, dass ein landesweiter Betrieb mit Tausenden von Angestellten und „Kunden“ binnen weniger Stunden, von jetzt auf gleich, -  auch noch über Nacht -  unter komplett neuen Bedingungen funktioniert.

So geschehen in der Nacht vom vierten auf den fünften März dieses Jahres, als das römische Unterrichtsministerium angesichts der sich ausweitenden Covid-19 Epidemie alle Schulen, Kindergärten und Unis des Staates bis voraussichtlich 05. April schließen ließ. Inzwischen ist auch dieser Termin für die Neuöffnung unwahrscheinlich geworden, doch inzwischen haben sich LehrerInnen und SchülerInnen an die neuen Umstände angepasst.

Das Zauberwort „Fernunterricht“ wurde bis vor Kurzem mit einsamen Schaffarmen in den Weiten Australiens in Verbindung gebracht, heute steht es bei den Südtiroler LehrerInnen täglich im digitalen Register. 70 von 100 Schulen haben in den letzten Jahren auf das sog. digitale Klassenregister umgerüstet, oft auch mit einigem Widerwillen. Heute sichert es den unkomplizierten, direkten Austausch mit  SchülerInnen, Eltern und LehrerkollegInnen.

Arbeitsaufträge werden vergeben, online Abgaben ermöglicht, kurzfristige Mitteilungen an bestimmte Adressaten verschickt und Dokumente mit anderen geteilt. Täglich kommen neue Möglichkeiten und Kommunikationsplattformen dazu, nicht selten sind dabei die SchülerInnen Experten, die ihren LehrerInnen die Anwendungsmöglichkeiten neuer Medien nahe bringen. So benutzen jetzt viele die Microsoft Plattform „Teams“ um Videobesprechungen mit der ganzen Klasse, mündliche Prüfungen oder Klassenratssitzungen zu machen. Südtirols Schulwelt ist in die digitale Ära geworfen worden und stellt fest, dass sie eigentlich sehr gut darauf vorbereitet war. Didaktische Möglichkeiten, die neu und deshalb dem Gewohnten zuliebe nicht näher in Betracht gezogen wurden, sind plötzlich von unschätzbarem Wert.

Alles gut soweit, also? Fragt man die SchülerInnen, die in den ersten Tagen überglücklich darüber waren, zu Hause zu bleiben, ausschlafen zu können, ihren eigenen Rhythmus zu finden, so sind sie inzwischen in der neuen Realität angekommen. Die selbstbestimmte Zeiteinteilung bedeutet auch selbstverantwortliches ZeitManagement. Die Arbeitsaufträge scheinen manchmal überdimensioniert, die direkte Unterstützung der MitschülerInnen und LehrerInnen fehlt. Doch auch wenn die digitale Welt keinen persönlichen Kontakt ersetzen kann, so laufen inzwischen die Videochats, Chatgruppen unter SchülerInnen und LehrerInnen heiß. Mit Flexibilität und Offenheit kann Sorgen und Ängsten entgegengewirkt werden.

Schlecht entgegenwirken kann man allerdings den praktischen Problemen der SchülerInnen in ihrem Zuhause. Haben die meisten Familien auch einen Computer, so müssen sich viele gerade jetzt, wo viele Eltern ihr „Home Office“ eingerichtet haben, zu dritt oder zu viert einen Computer teilen. Da wird die Arbeitszeit knapp. Manche Orte in Südtirol sind nicht gut vernetzt, die Verbindungen sind nicht immer zu halten, bei anderen reichen die vorgesehenen Giga nicht aus, um alle Dokumente zu verschicken.

Diesen Herausforderungen müssen wir uns ebenso stellen, wie der Tatsache, dass gerade durch die digitalisierte Didaktik soziale Ungleichheiten aufbrechen, die in es in dieser Hinsicht in unserem Schulsystem sonst nicht gibt. Schulbücher werden im Bedarfsfall von der Schule gestellt, aber bei Laptops ist das noch nicht möglich. Alles war eben nicht voraussehbar und die Schulen werden auch hier Lösungen finden. Manche Schülerinnen machen inzwischen Handyfotos von ihren  mit Hand geschriebenen Seiten und schicken diese an die Lehrer per Whatsapp. Wo ein Wille, da ein gemeinsamer Weg – gerade in dieser herausfordernden Zeit.