Schule in Corona-Zeiten

In ihrem Text Bett neben Schreibtisch. Die Sache mit dem Fernunterricht: Videocalls, Selbstdisziplin und neues Schulglück. gibt Anna Messner aus der Klasse 4D/ku Einblick, wie sie die neue Unterrichtsrealität erlebt.

 

 

 

 

 

 

Bett neben Schreibtisch

Die Sache mit dem Fernunterricht: Videocalls, Selbstdisziplin und neues Schulglück.

„Pipipipi pipipipi.“ Ich stöhne, drehe mich auf die Seite und versuche tastend meinen Wecker zum Schweigen zu bringen, den ich extra laut und durchdringend eingestellt habe, damit genau das nicht passiert. Es ist 6:30 Uhr und in meinem Kopf melden sich zwei Stimmen zu Wort: „Du musst jetzt aufstehen, sonst schaffst du dein heutiges Pensum nicht. Du wirst um 10:00 Uhr geprüft.“ „Ach, jetzt stehst du seit fünf Wochen jeden Tag so früh auf, gönn es dir doch einmal, noch ein bisschen liegen zu bleiben…“ Am Ende bleibe ich zehn herrliche Minuten im warmen Bett, dann stehe ich auf und schaue mir meinen Kalender an. Er hängt an der Wand und ist so groß wie ein Plakat, damit ich genügend Platz habe, um Abgaben, Prüfungen, Tests, Schularbeiten und Videokonferenzen einzutragen. Die heutige Geschichtsprüfung fällt mir ins Auge, darunter ist eine Abgabe in Grafik notiert und schließlich stehen für den nächsten Tag Italienisch, Physik und Philosophie an. Ich atme tief durch, versuche, den aufsteigenden Stress durch das eben noch empfundene Gemütlichkeitsgefühl zu dämpfen und setze mich an den Computer. Wie jeden Tag öffne ich als erstes die vielen Programme, über die der Fernunterricht läuft: Microsoft Teams, das digitale Register meiner Schule, Google Docs, WhatsApp Web und Email. Ich hoffe inständig, dass keine neuen Abgaben oder Lernzielkontrollen eingetragen wurden und registriere die Einladung zu einer Online-Kunstgeschichte-Stunde über Videocall. Außerdem habe ich mein Deutsch-Plädoyer zurückgekommen und im Bereich „Chat“ haben meine MitschülerInnen um eine Verschiebung der Philosophie-Abgabe gebeten. Dann beginne ich damit, den Stoff für die Prüfung zu wiederholen: Kolonialismus und Imperialismus, Bismarcks Bündnissysteme, das Attentat von Sarajewo und die Julikrise. Um Punkt 10:00 Uhr ploppt ein Fenster auf meinem Bildschirm auf. „Sie wurden zur Besprechung Geschichte-Prüfung eingeladen“. Wieder atme ich tief durch, klicke auf „Beitreten“ und schalte Kamera und Mikrofon an. Auf dem Bildschirm taucht das Gesicht meiner Professorin auf, vor einem Bücherregal bei sich zu Hause. Wie immer fühlt es sich am Beginn eigenartig und noch immer ungewohnt an, meinem Computer Unterrichtsstoff zu erzählen, aber schon nach wenigen Minuten vergeht dieses Gefühl und es ist, als säßen wir bei einer Vieraugenprüfung auf dem Schulgang. Erleichtert, diesen Punkt abhaken zu können, lege ich nach zwanzig Minuten auf und sehe sehnsuchtsvoll mein Buch an, das neben meinem Schreibtisch liegt. „Jetzt nicht“, denke ich „sonst bist du nachher wieder gestresst. Zuerst Grafik.“ Und so setzt sich mein Tag fort – auf einmal ist es schon Mittag, dann später Nachmittag und ich habe immer noch nicht alles für heute geschafft. Das ist ein Problem am Fernunterricht. Wenn man auch nur ein kleines bisschen perfektionistisch veranlagt ist und immer alles so gut wie möglich machen möchte, wird es schwierig. Denn man kann immer mehr machen, kann sich die Zeit ja größtenteils selbst einteilen und Pausen überspringen. Ist man allerdings gegenteilig geprägt, tendiert man schnell dazu, einfach im Bett liegen zu bleiben – Sitzenblieben kann man eh nicht dieses Jahr. In den vergangenen Wochen hatte ich manchmal das Gefühl, viele Lehrpersonen vergessen, dass wir nicht nur Arbeitsaufträge in ihrem, sondern in elf weiteren Fächern bekommen. Es ist deshalb umso wichtiger, dass beide Seiten geduldig sind, sowohl SchülerInnen als auch ProfessorInnen. Sich neues Wissen anzueignen ist wichtig, auch, um die Tage zu füllen, aber Ruhe angesichts dieser ungewohnten Situation ebenso. Und neben dieser neuen Art von Schulstress gibt es nun auch neues Schul-Glück: das Gefühl, sich Stoff erfolgreich durch viel Disziplin selbst beigebracht zu haben, Videokonferenzen mit Lehrpersonen, an deren Ende alle melancholisch werden und nicht auflegen möchten, Sprachnachrichten an die Italienisch-Professorin, in denen man einfach erzählen soll wie es einem geht und Momente, in denen man richtig ins Lernen eintauchen kann, weil keine Schulglocke läutet.

Anna Messner