Vier Eltern sind cooler als zwei

Gabriel-Grüner-Schülerpreis für Reportage 2020

Shinto und Daniel wurden beide adoptiert, der eine aus Indien, der andere aus Russland. Ihre Hautfarben, ihre Charaktere, ihre Eltern und ihre Geschichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem erleben beide, was Liebe und und ein sicheres Zuhause bewirken können.

Die Geschichte über zwei südtiroler Familien und ihren langen Weg zum Familienglück, von Anna Messner und Jana Zischg (3. Platz).

 

Es ist vollkommen egal, wo man geboren wurde. Wir sind alle Menschen, wir sind alle gleich.“
Shinto, 15, aus Indien

 

Konzentriert beobachtet der Junge den Kater, der unter dem Christbaum hervorschleicht. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, als das Tier sich nähert, an ihm reibt und schnurrt. „Der Kater ist unser zweites Adoptivkind“, lacht die Mutter, der Vater lächelt. Das erste sitzt auf dem Boden und streichelt selig den Kater, dessen Fell so dunkel ist wie die Haut des Jungen.

Shinto stammt aus Südindien. Christina und Alex adoptierten den heute 15-Jährigen, als er zwei Jahre alt war. Der Weg war lang.

Als Christiana und Alex den Wunsch hatten, Kinder zu bekommen, war sie nicht überrascht, als es mit einer Schwangerschaft nicht klappte. Schon mit 15 hatte sie sich vorgestellt, später ein Kind zu adoptieren und empfand deshalb eher Erleichterung als Traurigkeit. Schnell stand also fest: die beiden wollten ein Kind adoptieren. Da sie Bekannte hatten, deren Kinder aus Südasien stammen und Christiana als Yogalehrerin einen ganz besonderen Bezug zu Indien hatte, wünschten sie sich ein Kind von dort. Das Paar suchte sich Unterstützung bei „International Adoption“, einer Vermittlungsagentur in Udine. Da man in Südtirol verheiratet sein und entweder eine dreijährige Ehe oder ein ebenso langes Zusammenleben vorweisen muss, um adoptionsberechtigt zu sein, heirateten Christiana und Alex. Die nächste Zeit sollte nicht einfach für die beiden werden.

Sie reichten beim Jugendgericht in Bozen ihre Bereitschaft zur internationalen Adoption ein und begannen, die erforderlichen Dokumente zu sammeln: eine Gesundheitsbestätigung, Heirats- und Geburtsurkunden, Taufscheine, Bankerklärungen, Briefe, in denen Freunde und Eltern bestätigen, dass sie in der Lage seien, ein Kind großzuziehen, Steuererklärungen, Fotos ihres Hauses und von ihnen selbst, eine ärztliche Bestätigung der Unfruchtbarkeit, Wohnsitzbestätigungen und ein polizeilicher Nachweis, dass sie seit drei Jahren zusammenwohnten. Als nächstes folgte die „psychosoziale Abklärung“ durch einen Psychologen und eine Sozialassistentin, die nach Gesprächen und Hausbesuchen bestätigten, dass Christiana und Alex geeignete Adoptiveltern waren. Nachdem die Dienststelle Adoption Südtirol alle Dokumente beim Jugendgericht abgegeben hatte, wurden die beiden zu einer letzten Anhörung durch einen Jugendrichter eingeladen. Dann endlich erließ dieser das Dekret zur Eignung als Adoptiveltern. Der erste Teil war geschafft.

Alex blättert in einem dicken Dokumenten-Ordner und schüttelt den Kopf bei der Erinnerung an jene Monate. “Ich nenne diese Zeit immer unsere alternative Schwangerschaft. Andere Eltern bereiten sich ja auch neun Monate intensiv auf die Ankunft ihres Kindes vor. Es war gut so.“

Doch noch war Shinto nicht da, noch wusste das Paar gar nicht, dass er es war, der zu ihnen kommen würde. Ab jetzt verlagerte sich das Geschehen nach Udine. Die beiden nahmen an mehreren Workshops und Weiterbildungen teil, bis sie schließlich in einem Formular angeben sollten, welches Geschlecht das Kind haben sollte und ob sie auch Geschwister oder ein krankes Kind zu sich nehmen würden. Das Kind sollte gesund sein, egal, ob Junge oder Mädchen. Nun begann die Schlussphase des ganzen Prozesses, die Phase des Wartens, die Phase der Ungeduld. Der Anruf, auf den sie so sehnsüchtig warteten, erreichte Christiana schließlich bei der Fußpflegerin. Die Organisation habe einen kleinen Jungen in Südindien gefunden, hieß es. Sofort rief Christiana Alex an und die beiden fuhren nach Udine. Dort erhielten sie eine Beschreibung und ein Foto des Kindes. Dunkle Haut, schwarzes Haar, große Augen, die ernst schauen. Für Christiana und Alex war gleich klar: „Das ist unser Kind. Shinto hat uns ausgewählt und wir ihn – noch bevor wir uns kannten. Das ist kein Zufall, es sollte so sein.“

Zurück in Meran ergriff die beiden eine freudige Erwartung, sie waren aufgeregt, Shinto bald zu sich zu holen. Christiana meditierte jeden Tag mit dem kleinen Jungen, der in einem Waisenhaus in Südindien lebte. „Ich habe mich hingesetzt, meine Hand auf mein Herz gelegt, die Augen geschlossen und ihm in meinem Inneren gesagt, dass es nicht mehr lange dauert, dass wir bald bei ihm sind und dass wir ihn lieben.“

Und dann kam er endlich, der Tag, an dem sie ins Flugzeug stiegen und nach Indien flogen. Der 11. September 2006, „hoffentlich ist das kein böses Zeichen“, dachte Christiana. Nach 30 Stunden Flug kamen sie in Kerala (Südindien) an, erschöpft und mitten in der Regenzeit. Am nächsten Tag ging es direkt zum St. Joseph Children`s Home, ein Waisenhaus „mitten im Dschungel“. Dies war schon das zweite Heim, in dem Shinto lebte. Sein erstes Lebensjahr hatte er in einer Geburtseinrichtung von Mutter Theresia verbracht, wo er auch geboren worden war. Als uneheliches Kind, seine Mutter sehr jung. Vermutlich hatte sie ihn zu ihrer beider Schutz bei den Schwestern zur Welt gebracht und dort gelassen.

Um 11:11 Uhr stiegen Christiana und Alex aus dem Taxi und in den Dschungel, „11 ist meine Lieblingszahl“, fügt Christiana hinzu. Nachdem sie im Büro des Waisenhauses den Papierkram erledigt hatten, wurden sie in einen großen Raum geführt, in dem Kinder und Schwestern Fußball spielten. Sie erkannten Shinto sofort, er lachte – bis er sie sah. Da erschrak er, fing an zu schreien und zu weinen. Auch ein Keks konnte ihn nicht beruhigen und so wurde er Christiana, immer noch schreiend, in die Arme gegeben. In dieser überfordernden Situation erinnerte sie sich an die Meditationen mit ihrem Adoptivsohn, daran, wie sie ihre Herzen verbunden hatten und schickte ihm Freundlichkeit und Ruhe. Langsam beruhigte sich Shinto, hielt sich aber an seinem Keks fest, als wäre dieser sein Rettungsanker.

Das Ehepaar wurde getestet: Innerhalb von zwei Stunden sollten sie es schaffen, Shinto etwas zu essen zu geben, mit ihm zu spielen und ihn schlafen zu legen – dann durften sie ihn mitnehmen. Shinto war zwei Jahre alt und wog grade mal 7,5 Kilo. Doch die drei waren zusammen, endlich. Auf dem Weg ins Hotel begegneten sie einem Elefanten – in Indien ein Zeichen für Glück.

Zurück in Südtirol war alles neu und anders für die drei. Es war Herbst und die ungewohnt kühle Luft bescherte Shinto Lungenentzündungen, Allergien und Asthma. Herbst bedeutet außerdem: mehr anziehen. Für ein Kind aus Südindien, wo es das ganze Jahr über 30 Grad hat, war das total ungewohnt. Auch die neuen festen Schuhe sollte er tragen. Shinto war geschockt, es war, als ob er Skischuhe an den Füßen hätte, er konnte nicht mehr gehen. Auch mit weicheren Lederschuhen kam er nicht zurecht. Erst als Christiana ihn selbst Schuhe aussuchen ließ, löste sich das Problem. Shinto wählte weiche Babystoffschühchen. Trotzdem dauerte es lange, bis er damit den Boden berühren konnte. Wie sollte er laufen, wenn er seine Füße nicht sah? Erst, als Christiana eines Tages eine Kastanie über den Gehsteig rollen ließ, lief Shinto ihr nach und vergaß die Angst.

Alles war neu für das Kind, sogar vor Kuscheltieren fürchtete es sich. Doch Shinto war auch neugierig und ahmte alles nach, was andere taten. Er spielte mit Luft, weil er keine Spielsachen gewöhnt war, stellte sich alles ganz genau in seinem Kopf vor. Die Eltern waren geduldig. Noch ein ganzes Jahr wurde die Familie von einer Sozialassistentin bewertet und musste Berichte von Shintos Entwicklung abgeben, dann erst hatten sie Ruhe vor den Behörden.

„Ich bin sicher, dass sich Shinto in den ersten zwei Jahren wie in einer Art Schock befand, einem Trauma. Er verstand das alles noch nicht. Es war wie eine Entführung.“, meint Vater Alex. Man habe richtig gemerkt, als dieser Schock nachließ. „Plötzlich war er viel anwesender, man sah, dass er angekommen war.“

Heute geht Shinto in die Montessorischule in Tscherms bei Meran. Christiana und Alex wünschen sich, dass er Selbstbewusstsein aufbaut. „Es ist nicht einfach für ein dunkelhäutiges Kind in Südtirol. Immer werden ihm Stempel aufgedrückt“, sagt die Mutter. Früher wäre er der kleine süße Shinto gewesen, heute mit 15 hört er öfter Sätze wie „Der war wohl ein bisschen zu lang im Ofen“ oder „Kannst du überhaupt Deutsch?“. Einmal fragte eine Frau sogar, wie viel er denn gekostet habe. In den ersten Jahren in Südtirol cremte sich Shinto eines Tages von oben bis unten mit Nivea-Creme ein. Er wollte so weiß sein, wie alle anderen.

Als er mit sieben Jahren sogar sagte, er habe Angst vor dunkelhäutigen Menschen, beschlossen seine Eltern, mit ihm für zwei Wochen nach Indien zu fliegen. Er sollte verstehen, wo er herkam. Doch auch dort erfuhr er das Gefühl, nicht richtig zu sein. Er wurde auf Hindi angesprochen, verstand die Sprache jedoch nicht. Mehrmals wurde er für einen Bettlerjungen gehalten und von Christiana und Alex weggezerrt. Manche Inder schienen zornig zu sein, dass Europäer ein indisches Kind „mitgenommen“ hatten. Trotzdem war die Familie danach noch zweimal in Shintos Geburtsland, einmal sogar in den Kinderheimen, in denen er gelebt hatte.
„Er hat nirgendwo Wurzeln, ist überall fremd. Hier fällt sein Aussehen auf, dort sein Verhalten“, erklärt der Vater.

Doch es gibt auch mutmachende Erlebnisse. Als Shinto vor ein paar Jahren mit einer Freundin schwimmen ging, die er schon jahrelang kannte, fragte diese ihre Mutter danach erstaunt, ob er denn dunkelhäutig sei. Sie hatte es nie gemerkt. Er selbst sagt, dass es egal ist, wo man zur Welt kommt, alle Menschen seien gleich. Wenn man ihn auf seine Adoption anspricht, reagiert er nicht genervt, sondern ruhig: „Ich habe vier Eltern: zwei richtige und die anderen.“ Mit richtigen meint er Christiana und Alex.

 

 

„Adoption heißt, dass ich woanders geboren wurde, aber meine Eltern und mein Zuhause hier sind.“
Daniel, neun Jahre alt, aus Russland

„Ich lauf schon mal vor“ ruft der kleine, flinke Junge mit der roten Brille über die Schulter zurück. Dann rennt er los und springt zwischendurch immer wieder ausgelassen in die Höhe, vor lauter Übermut und Freude, wie es scheint. „Energie hat er wirklich genug“, meint die Mutter und lacht. „Langweilig wird es bei uns nie.“

Daniel rennt zum Eislaufplatz und bückt sich alle paar Meter, um besonders schöne Stöcke zu sammeln. Der Neunjährige wohnt mit seinen Eltern in Allitz im südtiroler Obervinschgau. Früher hieß Daniel Danil. Er kam in Russland zur Welt, im eisigen Sibirien, und mit 13 Monaten nach Südtirol zu

den Adoptiveltern Rita und Meindl. Sie ist Krankenpflegerin, er Apfelbauer. Trotz großer Hindernisse hielten die beiden durch und schafften es durch den schwierigen und mühsamen Prozess der Behörden

Rita und Meindl entschieden sich für ein Kind aus Russland – aus genau dem Grund, der Shinto oft das Gefühl gibt, keine Wurzeln zu haben: der Hautfarbe.

Das Paar wählte die Organisation „SOS Bambino International Adoption Onlus“ in Vicenza mit Schwerpunkt auf Vermittlung von Kindern aus Russland. Das bedeutete für das obervinschger Paar: viele Autofahrten und italienisch sprechen. Sie belegten Kurse, führten Gespräche und warteten schließlich auf den Anruf, der ihnen mitteilen würde, dass ein Kind für sie gefunden worden war. Die Wartelisten waren lang, es dauerte mehrere Monate. Am 31. Januar 2012 klingelte Ritas Telefon: Schon in einer Woche sollten sie nach Russland fliegen. Ihr Adoptivkind, ein kleiner Junge, lebte in einer sibirischen Stadt, deren Namen sie nicht einmal aussprechen konnten. Eine hektische Geschäftigkeit ergriff von ihnen Besitz, sie konnten nicht glauben, dass es jetzt so schnell gehen sollte.

Am Tag des Abfluges in München lieferten sie sich einen Wettlauf gegen die Zeit. Sie mussten ihren Pässen entgegenfahren, die nicht rechtzeitig vom russischen Konsulat aus Rom angekommen waren. Sie bekamen die Pässe schließlich in Bozen – zum Glück. Die Reise mit den vielen Zwischenstationen neu zu planen wäre schwierig geworden. Die beiden waren bisher erst einmal geflogen, es war eine große Aufregung. Vor lauter Nervosität fuhr Meindl in München immer um den Flughafen herum und herum, drehte mehre Runden, weil er nicht verstand, in welchem Parkhaus er denn nun parken sollte. Dann flogen sie tatsächlich ab nach Moskau und von dort in einer klapprigen Maschine weiter nach Irkutsk, von wo sie 16 Stunden mit dem Zug an den sibirischen Ort mit dem unaussprechbaren Namen fuhren. Dann waren sie am Ziel. Es war das erste Mal, dass sie eine Zeitverschiebung erlebten, und nun waren es gleich neun Stunden. Mit dabei war eine deutschsprachige Übersetzerin.

Rita weiß nicht mehr, was sie dachte, als sie Daniel das erste Mal sah, so viele Gedanken rasten in diesem Augenblick durch ihren Kopf. „Ich weiß aber noch, dass da plötzlich die Gewissheit war: Der gehört zu uns.“ Der kleine Junge lebte in einem Kinderheim mit bunt bemalten Wänden. Er war zierlich für sein Alter, blass, weil er wegen der eisigen Temperaturen selten an die frische Luft kam und trug keine Windeln, ein Bild, an das sich seine Eltern bis heute erinnern.

Eine Woche blieben Rita und Meindl, wohnten in einer kleinen Wohnung und besuchten Daniel so oft wie möglich. Doch auch in Russland mussten sie sich um den Papierkram kümmern und ihre Daten bei zahllosen Ämtern bestätigen, derselbe Stress wie zu Hause. Nach einer Woche mussten die beiden ohne Daniel zurück nach Südtirol. „Das war schlimm“, erinnert sich Meindl heute, „wir wussten nicht, wie es weitergeht oder wann wir Daniel wiedersehen.“  Die nächsten Monate zu Hause in Allitz zogen sich ewig in die Länge. Sie hörten nichts von der Organisation und auch nichts aus Russland, machten sich Sorgen.

Acht Jahre sind vergangen. Daniel kommt zurück gelaufen, um seinen Eltern die Stock-Sammlung zu zeigen. Mit einem Ohr hört er zu, wie diese von ihrer ersten Begegnung erzählen, dann drückt er Rita einen Stock in die Hand und fordert sie zum Kampf auf. Die beiden weichen einander aus, während sie versuchen, den Stock des anderen nach unten zu drücken, lachen ausgelassen. Heute sind sie immer zusammen, werden nicht getrennt. Doch das war vor 2012 anders.

Erst im September besuchten sie Daniel das zweite Mal und blieben zwei Wochen. Wieder konnten sie die Zeit nicht richtig genießen, sondern hetzten von einem Amt zum andern, mussten sogar in Moskau vor Gericht. Dort sollte einer von ihnen eine „Verteidigungsrede“ darüber halten, wie sie einem russischen Kind ein gutes Zuhause bieten würden. Abgesprochen war eigentlich, dass Meindl diese vortragen sollte, denn in Russland schien dies immer noch Männersache zu sein. Er war jedoch so nervös, dass schließlich Rita für ihn einsprang und vor lauter Lernen des Textes irgendwann kaum mehr wusste, wie sie hieß. Zum Glück gab es die Übersetzerin, ohne sie wären sie schon an den kyrillischen Straßenschildern gescheitert.
Waren sie endlich bei Daniel im Kinderheim, sollten sie ununterbrochen mit ihm spielen. „Man sah ihm an, dass er total überfordert war. Schließlich war er es nicht gewohnt, dass sich jemand mit ihm beschäftigte“, erinnert sich Rita.

Zurück in Südtirol hatte das Paar alle Hände voll mit der Apfelernte zu tun, musste schließlich trotz allem den Hof in Gang halten. Kaum war der letzte Apfel auf dem Weg zur Genossenschaft, reisten sie zum dritten und letzten Mal für drei Wochen nach Sibirien. Dieses Mal durften sie Daniel auch mit in ihr kleines Apartment nehmen, allerdings wirklich nur dorthin – für Spaziergänge oder Spielplatzbesuche war es bei 30 Grad minus viel zu kalt. Natürlich durften die obligatorischen Behördengänge auch diesmal nicht fehlen. Einmal mussten sie mit Daniel sogar über 16 Stunden mit dem Zug fahren, um irgendwelche Arztbestätigungen einzuholen. Eine Prozedur, an die sie sich immer lebhaft erinnern werden. Es gab keine Sitzplätze, die Fahrt schien nicht enden zu wollen.

Dann, endlich, kam der 12. November 2012, der Tag, an dem sie zu dritt die Heimreise antraten. Daniel verhielt sich wie ein kleiner Flug-Profi und bekam sogar einen Kinderpiloten-Schein geschenkt. Schwierig war nur sein Bewegungsdrang, der es schwer machte, ihn auf dem Schoß seiner Eltern anzuschnallen. Es klappte alles reibungslos, war aber anstrengend. Sie waren so erleichtert, als sie endlich in Allitz ankamen.

Das Sprichwort „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ meint heute übertragen auf die Menschen, dass man sie im Alter nicht aus ihrer Umgebung reißen sollte. Aber das „Verpflanzen“ ist auch für Daniel kein Kinderspiel gewesen. Von heute auf morgen war alles neu, Rita und Meindl waren oft erschöpft, manchmal überfordert. Problemtisch war vor allem, dass Daniel keine Bezugspersonen gewöhnt war und deshalb mit allen Menschen mitging, egal ob er sie kannte oder nicht. Auffallend war außerdem, wie viel er schlief, oft bis zum späten Vormittag. Vielleicht brauchte er diese Zeit, um die immense Fülle an Neuem zu verarbeiten. Vielleicht war er es aber auch einfach aus dem Kinderheim gewöhnt, schlafende Kinder bedeuteten schließlich weniger Arbeit.
Auch bei Rita und Meindl gab es anfangs Kontrollen durch das Sozialamt und die beiden schickten fleißig Fotos und Berichte. Mit der Zeit kehrte aber endlich eine gewisse Routine und Ruhe ein, es entwickelte sich ein Alltagsgefühl. Und Daniel lernte schnell, er begann bald zu sprechen.

Heute geht Daniel in die 3. Klasse der Grundschule, sprudelt nur so vor Fantasie und kann sich gar nicht schnell genug seine Schlittschuhe anziehen. Glücklich ist er beim Skifahren, Rollschuhfahren, Eislaufen, Fernsehen und beim Geschichten schreiben. Er möchte einmal Professor werden und verrückte Dinge erfinden, sagt er, und das schönste, das er bisher gesehen hat, waren das Meer und Sonnenuntergänge. Über seine Adoption spricht Daniel ganz offen. Einmal pro Woche kommt eine Russischlehrerin zur Familie nach Hause. Das war sein Wunsch. Mit 18 Jahren möchte er nach Sibirien reisen, seine Mutter suchen und die Stadt erkunden, in der er geboren wurde. Auch wenn er sich in Südtirol bei Rita und Meindl zuhause fühlt, möchte er offenbar seine Wurzeln suchen. „Ich habe vier Eltern, das sind zwei mehr als die anderen haben. Ist das nicht cool?“, ruft er lachend und flitzt über das Eis davon.