„ Kimp dor Krumer!“

Früher zogen zahlreiche Krumer durchs Land, heute ziehen sie Onlinehändlern nach. Diego Jobstraibizer ist einer der Letzten seiner Art.

Sein Lachen kommt vor ihm durch die Tür, es ist laut und in ihm schwingt der gleiche Singsang mit, der beim Reden durchsickert. Jedes Wort klingt so, als hätte es selbst beschlossen, sich so anzuhören: etwas schief und abrupt. Die Leute im Raum drehen sich zu Diego Jobstraibizer, 43 aus Fierozzo,  und als er sich setzt, hüpft die Katze gleich auf seinen Schoß. Er lässt sie gewähren, auch wenn sie ihre Krallen nicht eingezogen hat.
Es ist ein novemberkalter Nachmittag und seit fünf Uhr morgens steht er auf den Beinen, er wird erst gegen Abend nach Hause kommen.
Kaum einer kennt Südtirols Straßen so gut wie er, allein an diesem Donnerstag war er im hintersten Passeiertal, im Arn- und im Eisacktal unterwegs. Siebzig- bis achtzig tausend Kilometer macht er im Jahr, in den letzten fünf Monaten waren es schon  vierzigtausend.
„ -Mein Tata war früher noch zu Fuß unterwegs“, winkt er ab. Es könnte schlimmer sein.

Lange Autofahrten sind normal für Krumer, die vorwiegend aus dem Fersental im Trentino stammen und früher von Hof zu Hof zogen. Sie versorgten auch entlegene Bauernhöfe mit  Waren, denn vor allem den Winter überstanden die Bergbauern oft nur mit der Hilfe der Krumer. Das Phänomen der Wanderarbeiter ist fest in der alpenländischen Kultur verankert. In einer Publikation des Bersntoler Kulturinstituts über die Krumer heißt es, dass selbst vor der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert Bergbauernvölker in den Alpen nie komplett autonom und unabhängig lebten. Dabei waren die Bewohner in jedem Tal auf ein bestimmtes Handwerk spezialisiert. Es gab Kesselflicker, Messerschleifer oder Fleischer. Diego erinnert sich, wie seine Mutter und die anderen Frauen im Tal in

Handarbeit Kleider anfertigten, welche dann von den Krumern mit anderem Nähzubehör in ganz Südtirol verkauft wurden.

Mittlerweile sind die meisten Höfe in Südtirol längst mit Straßen an Täler angebunden und nicht mehr auf Krumer angewiesen. Diego hat trotzdem genug zu tun. Er beliefert Kunden mit Matratzen und Bettzubehör, das er von einer größeren Firma ankauft und überwiegend an Pensionen und Hotels, aber auch an Privatpersonen weiterverkauft. In seinem mit Matratzen vollgestopften Lieferwagen lässt sich die passende Matratze für wohl jeden Rücken finden, egal ob man eine harte, eine weiche, eine dazwischen sucht.
„Sie telefonieren am Abend, ich komme in der Früh“. Er ist schneller als die meisten Onlinehändler und entsorgt die alten Matratzen  fachgerecht auf einem Recyclinghof. Immun ist er gegen die übermächtige Konkurrenz dennoch nicht.
„ Die Älteren kannten die Krumer besser, die Jüngeren immer weniger“. Als er anfing als Krumer zu arbeiten, gab es neben ihm noch zwei Dutzend  andere, jetzt schätzt er die Zahl auf nur mehr zehn, im Pustertal gebe es vielleicht noch zwei oder drei. Im Gegensatz  zur Generation seines Vaters reicht es nicht mehr aus, eine Hand-voll Höfe zu bedienen, er müsse das Doppelte leisten. Früher brach sein Vater Sonntag früh auf und kam erst am Wochenende heim, er schlief bei Kunden, trank den Wein, den sie ihm anboten, und durchstreifte mit seiner Kraxe auf dem Rücken, mit der er die Waren transportierte, ganz Südtirol. Die meisten Fersentaler-Krumer waren sogenannte „Pock“-Krumer, und trugen ihre Waren in einem  „Pock“, einem einfachen Sack aus Stoff. Es gab jedoch auch „Tatl“-Krumer, die ihre Waren in einem rechteckigen Kasten mit Schubladen (Tatln) schleppten. Später schaffte sich Diegos Vater einen Lieferwagen an. Seit Diego nach zehn Jahren Schufterei bei einer Baufirma in die Fußstapfen, oder besser gesagt Reifenspuren, seines Vaters getreten ist, schläft er, wenn auch selten, in seinem eigenen Bett und trinkt Wasser statt Wein.

Es ist kurz vor Weihnachten und Diegos Geschäft, das er im Mai eröffnet hat, blinkt und glitzert mit dem Weihnachtsmarkt vor seiner Tür um die Wette. Der „ Habsburgische Weihnachtsmarkt“ in Levico Terme schlängelt sich quer durch die deutlich von der Habsburgermonarchie geprägte Altstadt. „La bottega dei sogni“, das Geschäft der Träume, prangt in blauen Großbuchstaben über dem Eingang und bietet fast alles für Haus und Erholung an, was man sich nur wünschen kann. Adieu, schlechter Schlaf und Alpträume! Eigentlich wollte er das Geschäft in seinem Heimattal aufmachen oder in der nächsten größeren Stadt Pergine, aber dort gebe es schon zu viele, die dasselbe anbieten, deswegen hat er sich für das eine halbe Stunde entfernte Levico entschieden. Von Montag bis Freitag leitet seine Frau Denise den Laden, am Wochenende zusammen mit ihm. Die Kinder Matthias und Christian sind gerade bei der Nonna, der Großmutter, ihre Bilder hängen an der Wand. Bis Weihnachten müssen sie noch warten, dann nimmt auch Diego sich Ferien.
Passend zur Jahreszeit findet man in seinem Geschäft weihnachtliche Tischdecken, Polsterbezüge oder Bettlaken. Der Verkaufshit bleibt aber immer noch die Matratze in allen möglichen Varianten. Die Kunden dürfen probeliegen. Wenn sie sich schließlich entschieden haben, liefert Diego die Matratze ein paar Tage später, auf Maß angefertigt, zu ihnen nach Hause. Bevor sie sich endgültig für die Matratze entscheidet, darf sie noch ein paar weitere Tage darauf  probeschlafen, damit die Träume auch längerfristig schön bleiben.
Der Kauf einer Matratze bei Diego ist ein längerer Prozess, man liest sich nicht nur halbherzig einen Stiftung Warentest-Artikel durch, bis man bestellt und hofft, dass man sich nicht die Umstände machen muss, die Matratze zurückzuschicken und die Strapazen einer neuen Bestellung auf sich zu nehmen. Diegos Kunden schätzen vor allem den persönlichen Kontakt zum  Lieferanten.
„Ich bin froh, wenn die Leute zufrieden sind und mich wieder anrufen, wenn sie mich brauchen“.  
Eine Standard-Kaltschaum-Matratze kostet bei ihm rund 385 Euro, es gibt billigere bei Discountmöbelhäusern wie Ikea und bei Onlinehändlern, die auch ins Haus liefern. Eine Studie der WIFO (Institut für Wirtschaftsforschung) zeigt auf, dass in den Jahren 2006 bis 2014 die Zahl der Personen, die Waren oder Dienstleistungen im Internet gekauft haben, jährlich um 8000 in Südtirol angestiegen ist. Die treibende Zielgruppe sind dabei ganz klar jüngere Personen zwischen 16 und 34 Jahren. Die Fakten lassen sich nicht leugnen, auch in Südtirol, wo die Menschen die Wochenmärkte lieben und den Einzelhandel unterstützen, und trotzdem auf Onlineshopping umsteigen. Diego muss mehr bieten, wenn er mithalten will.
Als ich mit meiner Familie  die „Bottega dei sogni“ betrete, werden wir von ihm sogleich mit einem festen Händedruck und einem herzhaften Lachen begrüßt.  Ob meine Eltern Rückenprobleme oder Schlafstörungen hätten? Kein Problem, dann seien wir hier an der richtigen Stelle. Er führt uns in den hinteren Bereich, wo Matratzen und Bettgestelle ausgestellt sind. An der Wand, neben dem Spruch „ Siamo fatti della stessa sostanza di cui sono fatti i sogni“(Wir sind aus derselben Substanz gemacht, aus der Träume gemacht sind) veranschaulicht ein Diagramm die unterschiedlichen Härtegrade einer Matratze. Um sich für die richtige zu entscheiden, zählt aber vor allem das eine: sie zu fühlen. Mit den Händen, mit dem Rücken, mit dem ganzen Körper. Laut einer Studie des Wissenschaftsmagazins P.M verschläft der Mensch schließlich durchschnittlich 24 Jahre seines Lebens. Das zeigt sich in den speziellen Wünschen seiner Kunden, in letzter Zeit punkten Aloe-Vera-Matratzen bei ihnen. Die Zeiten des einfachen Nähzubehörs, der „Hangerlen“, Bürsten und Stoffe sind vorbei, die Ansprüche der Kunden haben sich verändert.
Schlussendlich, nachdem wir uns in etwas weniger als einer halben Stunde mehr Gedanken bezüglich unserer Betten gemacht haben als andere in Wochen, lassen wir uns aber den Kaffee von Diegos Frau Denise munden. Wir sprechen über Arbeit, Familie und den Weihnachtsmarkt, den wir später unbedingt besuchen müssen. Die Atmosphäre ist freundlich, anders als bei einem fremden Angestellten in Gelb/Blau.
„Die meisten sind Stammkunden“, und wenden sich immer an Diego, die ihn auch weiterempfehlen. Zu wissen, an wen man sich mit Fragen und Problemen wenden kann und wer hinter der Stimme am Telefon steckt, stellt ein Vertrauen zwischen Verkäufer und Käufer her, das früher selbstverständlich war, nun aber vernachlässigt und als überflüssig abgetan wird.

Vier Tage später um halb sechs klingelt es bei uns. Er musste im Vinschgau einen Gastbetrieb beraten, er entschuldigt sich für die Verspätung, er brauche nicht lange. Innerhalb weniger Minuten werden die durchgelegenen, mittlerweile 20 Jahre alten Matratzen durch neue ausgetauscht. Und auch wenn jede über 30 Kilo wiegt, schleppt Diego sie ohne Mühe durchs Stiegenhaus und in seinen weißen Lieferwagen, wo er gleich die passenden Matratzenschoner für die neuen hervorkramt.
„Wenn man in den ersten drei Nächten Rückenschmerzen bekommt, ist das normal, man muss sich noch an die neue Matratze gewöhnen“, versichert er und bietet an, das so hastig abgezogene Bett wieder zu beziehen.
Innerhalb einer Viertelstunde ist alles erledigt. Wir bieten ihm Kaffee oder Saft an, aber Diego lehnt dankend ab und trinkt sein Glas Wasser.
„Im Jänner komme ich wieder, wenn sicher ist, dass die Matratzen passen, sonst bringe ich neue.“
Tatsächlich ist eine Matratze zu weich, aber meine Mutter spürt den Unterschied deutlich, denn sie wacht zwar immer noch um halb sechs auf, aber immerhin schläft sie die ganze Nacht durch, es eilt nicht. Er kümmere sich darum, verspricht Diego und ist schon kurz nach Weihnachten mit einer passenden Alternative wieder zurück. Was für ein Aufwand! Doch die Umstände machen ihm nichts aus, versichert er,es sei ihm wichtig zu wissen, dass seine Kunden ruhig schlafen. Lächelnd verabschiedet er sich und streicht ein letztes Mal über die neue Matratze.
So sehr Diego den Konkurrenz-Druck spürt, so zuversichtlich blickt er in die Zukunft. Er glaubt nicht, dass die Krumer gänzlich aussterben werden, zu sehr sind sie Teil der Kultur und Tradition der Alpen. Sein großer Sohn bettelt ihn an, mitkommen zu dürfen, wenn er wieder einmal aufbricht, und auch wenn das gesetzlich nicht möglich ist, da Diego niemanden in seinem Dienstauto mitnehmen darf, sind der Stolz und die Freude in seiner Stimme über einen möglichen Nachfolger deutlich zu spüren.
„Ich weiß nicht, wie die Zukunft für Krumer aussehen wird, ich weiß nicht, wie die Welt in 20 Jahren aussieht, bis dahin mache ich das, was ich kann.“