Poetry Slam - Juliane Wild: Gänseblümchen-Blütenträume

 

Wo die Menschen träumend tanzen wie Glühwürmchen in kalter Nacht, fällt der Regen auf die Straßen wie Konfetti in voller Pracht.

Siehst du die kleinen Leute von heute, als Meute durch die Wälder streifen, nach all den kleinen Funken greifen. Sie suchen das Licht, suchen das Feuer, wie unheimlich hungrige Ungeheuer. Sie wollen den Schatz, das Ziel, das Dunkel aber wollen sie nicht. Diese Absenz von Licht, die sich nachts wie ein Schleier über unsere Welt legt. Dann ist alles wie es sich gehört, dann wird die Natur für eine Weile nicht mehr bei der Arbeit gestört.

Bei Einbruch der Dämmerung, kurz bevor wir Menschen unsere Äuglein schließen, kriechen sie hervor. Kreaturen des Abends, des Mondes, der Nacht. Flink flimmernde kleine Käfer, ihre Körper entfacht, sie den leuchtenden Lichtern der Dunkelheit gemacht. Sie flüchten durch die Lüfte auf der Suche nach sich selbst. Sie brennen für alles, was ihnen genommen worden ist, sie leuchten und leben in den Ritzen der Stadt, in den Nischen und Nestern, auf die wir nicht mehr achten, als wären sie nur Kreaturen von gestern.

Vergessen, vertrieben, neben den Straßen liegen geblieben, kohlschwarz vom Ruß und Auspuff der Autos, deren Fahrer, die sich zwingen, statt in ihren Betten ihre Zeit auf den leeren Straßen zu verbringen. Trotzdem haben sie keine Geduld, rasen der Leere hinter sich davon, als wäre es ihre Schuld, die sie wachhält. Dabei sind wir es, die uns keine Ruhe gönnen, wissen gar nicht, ob wir uns noch entspannen können.

Wann haben wir das Träumen verlernt?

Aber dann, irgendwann, kühlen Tropfen unsere schlaflosen Häupter. Leise legt sich der Regen hernieder, immer wieder und wieder. Er löscht die Straßen von all dem Lärm, hält sie sauber, hält ihn fern. Wie ein Echo, tausend Stimmen rauscht der Schauer durch die Täler der Stadt. Und da, mitten in der Nacht, hört alles Leben auf und die Natur nimmt wieder ihren Lauf. Dicke Regentropfen tropfen von den zarten Flügeln, perlen, rinnen herab, während sie ihre Fühler putzen. Ganz klein sitzen sie da, unter all den Gänseblümchen-Blütenträumen. Diese Leuchtkäfer-Feen, Fantasien unserer flüchtigen Kindheitsjahre, Schatten jetzt in unseren Gedanken, weitaus Wichtigeres im Kopf.

Wann haben wir das Träumen verlernt?

Doch mit etwas Glück holt sich Mutter Natur die Welt zurück. Sei es inmitten der Eschen und Birken und Fichtennadelwäldern, inmitten der Himmelstürme oder Wolkenkratzer oder nur in unseren müden Autofahrerköpfen. Aber dann, bei Einbruch der Dämmerung, siehst du die kleinen Leute von heute immer größer werden. Gefunden, nicht entrissen, haben wir das Licht, das Feuer; wir sind keine Ungeheuer.

Selbst der Mond blickt uns an und wir verstehen – wir sind nicht nur, was wir im Spiegel sehen. Und wir leuchten – von innen heraus; unsere Flügel - unsere Worte und Gedanken.

Kreaturen der Welt, der Mutter Natur.

Auch sie schaut auf uns herab und während sie lacht, fällt immer noch das Konfetti dieser Nacht.

Eine Nacht, in der selbst die dicksten Regentropfen ihren Flug den Engeln entgegen nicht aufhalten können. Sie leuchten wie die Sterne am Himmelszelt und lassen uns endlich träumen. Sie blicken in den Spiegel und sehen nichts anderes als uns - die Glühwürmchen am Straßenrand.