Windwechsel - Lesung mit Bertrand Huber

Windwechsel - Lesung mit Bertrand Huber
Windwechsel - Lesung mit Bertrand Huber

Einführend hat der Autor von seiner Leidenschaft für das Schreiben erzählt. Er sei ein guter Beobachter und hole sich die Eindrücke aus der Natur und aus der Begegnung mit Menschen. Natur sei allerdings nicht eine Postkartenidylle, sondern eine Metapher für die Grundfragen des menschlichen Daseins. Die Sprache der Lyrik ist eindrucksvoll, aber auch präzise und auf das Wesentliche reduziert: „Ein guter Schriftsteller schreibt nicht mehr als er denkt“ (Walter Benjamin). Bertrand Huber führt weiter aus, dass Lyrik dann geglückt sei, wenn sie Menschen zum Staunen bringe. Er schließt seine Ausführungen mit einem Zitat von Hannah Arendt: „Lyrik führt zum ansteckenden Staunen“ und richtet einen eindringlichen Appell an die anwesenden Schülerinnen und Schüler, sich die Gabe des Staunens und die Neugier nicht austreiben zu lassen.
Im Anschluss fand die Lesung mit musikalischen Beiträgen statt. Der Autor hat ausgewählte Gedichte der fünf Gedichtzyklen Glückssterne, Stadtleben, Jugendstil, Jahreszeiten und Windwechsel vorgelesen. Rosmarie Rieder hat am Klavier Musikstücke vorgetragen, die dieselben Themen umkreisen wie die Texte und so zu einer Interpretation der Gedichte beitragen.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils der Veranstaltung standen die Klassen 2A und 2B des Sprachengymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler haben im Unterricht unter Anleitung der Lehrkraft Waltraud Thuile Gedichte aus dem Lyrikband „Windwechsel“ analysiert, daraus in einem kreativen Verfahren eigene Texte entwickelt und diese dann dem begeisterten Publikum – den Klassen 2C, 2D, 3C und 4C mit den begleitenden Lehrpersonen- vorgetragen.
Nun ein paar Kostproben, einmal der Originaltext des Autors Bertrand Huber und passend dazu der Schülertext:

 

Um die Bibliothek baue ich eine Büchermauer
damit keine Bedrohung eindringen kann.
/in meine Nische/
in der ich philosophische Spaziergänge gehe
oder mir Utopien ausmale
die an der Stadtmauer zerschellen
Bertrand Huber

Das wäre schön.
Utopien. Dieses Wort ist mir in Erinnerung geblieben.
Utopien. Ein großes Wort.
So viele Welten. So viele unerforschte Gebiete. So viele
unbekannte Sachen.
Eine Utopie, ganz nach meinen Wünschen.
Das wäre was.
Immer Frühling und schönes Wetter, immer Sonne, doch
nie zu heiß und nie zu kalt. Mit Bäumen aus rosa
Zuckerwatte und Bächen aus dunkler Schokolade. Mit all
meinen liebsten Menschen um mich herum.
Das wäre schön.
Kathrin Rösch 2A/sp

Windstille
im Wartesaal
kein Vogel zwitschert/keine Sonne scheint
Windstille
im Wartesaal
wo das Leben die Wartenden vergisst
sie aber den Stillstand nicht mehr ertragen
dabei im Wartesaal hin und her irren
dann Treppen hinauf zum Bahnsteig
wieder Stiegen hinunter
hindurch durch das Labyrinth der Unterführungen
zurück in den Wartesaal
weil sie nichts finden können
weder eine Gegenwart/noch eine Zukunft

Windstille
im Wartesaal
kein Vogel zwitschert/keine Sonne scheint
Bertrand Huber

Traurig dieses Gedicht.
Weckt alte Erinnerungen. Keine Freude, kein Lichtblick.
Hektik.
„Wo das Leben die Wartenden vergisst.“
Dieser Satz geht mir nah.
Tränen.
Diese Spannung. Alles hängt davon ab, nichts liegt in meiner Hand.
Hilflosigkeit.
Das Gedicht macht mich hilflos.
Gefangen in dem Desinfektionsmittelgeruch und dem grellen Neonlicht.
Den Bahnsteig? Nein, kein Bahnstein. Nur der Wartesaal.
Meine Mama.
Weint.
Wieder hilflos.
„Weder eine Gegenwart/noch eine Zukunft.“
Nichts.
Stille.
Verlassen werden.

Nicht das Verlassen-Werden, als mein Freund meine beste Freundin geküsst hat.
Nein. Nein, nie.
So endgültig.
Für immer war noch nie so hässlich.
Ich will nicht. Das alles reicht.
Weglaufen.
Überall die Stille.
Hilflos.
Die Spannung lässt nach.
Kraftlos.
Tränen. Endlich Tränen.
Ich weiß alles noch ganz genau.
Traurig, dieses Gedicht
Nadine Schmidhammer 2A/sp