Bienvenue in Laurein

Gabriel-Grüner-Schülerpreis für Reportage 2020

Von Einem, der auszog, um sein eigenes Lied zu schreiben

Beim Betreten des überfüllten Lokals ertönen von überall her Stimmen. Menschen verschiedenen Alters reden wild durcheinander. Nach der hl. Messe setzen sie sich hier in dem Wirtshaus gerne noch ein wenig zusammen, um ein paar Neuigkeiten auszutauschen oder um einen „Sonntagswatter“ zu machen.

Unter all den verschiedenen Stimmen fällt eine Stimme sofort auf. Anfangs glaubt man sich zu verhören, aber jemand spricht hier eindeutig mit französischem Akzent. Es ist Tomá Louvard, der, in ein lebhaftes Gespräch verwickelt, an der Bar lehnt und tatsächlich Franzose ist. Er verbringt seine Zeit am liebsten im Gasthaus „Stern“. Da sich seine Wohnung genau gegenüber befindet, hat er es auch nicht weit nach Hause und unterhält sich so nicht nur am Sonntag gerne den ganzen Tag mit anderen Gästen.

Der „Stern“ ist eines der wenigen Wirtshäuser in Laurein, einem kleinen, entlegenen Dorf am Nonsberg. Es zählt mit seinen 342 Einwohnern wohl zu den kleinsten Gemeinden Südtirols. Bei den Einheimischen ist der „Stern“, ein beliebter Treffpunkt, aber mittlerweile unter dem Namen „Karin“ bekannt, benannt nach der Besitzerin, die den Betrieb schon seit einigen Jahren mit ihrer Mutter führt.

Seit zwei Jahren lebt der 29-jährige Tomá nun hier in Laurein und hat sich gut eingebürgert. Ursprünglich kommt er aus dem Norden Frankreichs, genauer gesagt aus Nancy, einer Flussstadt mit 104.286 Einwohnern, ca. eine Stunde von Straßburg entfernt. Wie er von Frankreich nach Laurein kam und wie es war, sich mit den etwas eigensinnigen Laureinern anzufreunden, ist eine längere Geschichte, die er aber gerne erzählt.

Schon mit 19 Jahren war Tomá sehr reiselustig und beschloss, für zwei Jahre nach Australien zu gehen, um die englische Sprache in die Praxis umzusetzen und etwas Neues zu sehen. Sein Brot verdiente er sich mit vielen verschiedenen Jobs: Vom Früchtepflücker bis zum Tellerwäscher war alles dabei. Immer wieder hat er auch als Straßenmusiker gearbeitet.

„In Australien ist die Kultur ganz anders, die Leute bleiben stehen, um zuzuhören, wenn jemand auf der Straße Musik macht“, erklärt Tomá. Dabei leuchten seine blauen Augen noch mehr als sonst. Wie er so dasitzt, mit einem in die Ferne gerichteten und träumerischen Blick, erweckt er den Eindruck, als erinnere er sich gerne an die alten Tage zurück.

Und als säße ihm ein alter Freund gegenüber, den er lange nicht gesehen hat, erzählt er einfach weiter: Wie er nach zwei Jahren wieder nach Frankreich zurückkehrte, nur um wenig später nach Zentralafrika aufzubrechen. Wie er dort für drei Monate Französisch und Mathematik unterrichtete und wie er, nachdem er wieder nach Frankreich zurückgekehrt war, weiter nach Wellington, der Hauptstadt Neuseelands, reiste. „Dort habe ich größtenteils als Straßenmusiker gearbeitet“, sagt Tomá und nimmt einen Schluck aus seinem Weinglas. Sein Kater Sunny Boy spaziert vorbei und ignoriert seine Lockversuche völlig. Wie es der Zufall wollte, lernte Tomá in Wellington eine junge Frau aus Tregiovo, einem Dorf im benachbarten Trentino, kennen und lieben.

Seitdem lebt Tomá in einer Wohnung in Laurein, mit Sunny Boy. Letzteres erst nachdem die Beziehung in die Brüche gegangen ist. Der gesellige Sänger verbringt den Großteil seiner Zeit, ebenso wie sein eigensinniger Kater, bei „Karin“. Ihre Kunden unterhalten sich gerne mit ihm und haben es sogar geschafft, ihm einige Grundzüge des Laureiner Dialekts beizubringen. Mittlerweile begrüßt der Franzose fast jeden mit einem freundlichen „Hoila, wia geats?“ und beginnt dann, über alles Mögliche zu diskutieren. Und das alles, ohne ein Wort deutsch zu sprechen, sondern immer auf Italienisch.

Trotz der mangelnden Sprachkenntnisse sei es nicht schwierig für ihn gewesen, sich einzuleben. „Viele sagen, die Leute im „Norden“ seien kalt und abwesend, aber das trifft gar nicht zu, hier sind alle sehr offen“, meint er.

Der Franzose hat sein größtes Hobby, das Singen, auch am Nonsberg zum Beruf gemacht und tritt unter dem Namen „El Tom“ in verschiedenen Gasthäusern und Bars auf. Besonders weit muss er dafür auch nicht fahren, in einer Stunde erreicht er Lana, Madonna di Campiglio, Molveno und den Tonalepass. Mit seinen Covern und einer Stimme, die man ihm gar nicht zutrauen würde, verzaubert Tomá seine Zuhörer jedes Mal aufs Neue.

Auch heute gibt er ein kleines Konzert. Als die ersten Klänge ertönen, verstummen die Gäste und richten ihren Blick auf den Musiker, der mit Gitarre und einer befestigten Mundharmonika hinter dem Mikrophon steht. Mit jedem Ton gewinnt seine raue Stimme an Sicherheit. Während er ein Zwischenspiel zum Besten gibt und seine Finger über die Saiten huschen, bringt ihm einer seiner Freunde ein Getränk und hält es ihm routiniert an den Mund, bis sein Durst gestillt ist. Wieder gestärkt drückt Tomá noch einmal aufs Gaspedal und freut sich dann über den kräftigen Applaus.

Angefreundet hat sich Tomá schnell mit den Laureinern, aber bis heute hat er einen kleinen Streitpunkt nicht aus der Welt schaffen können: Es gibt so manchen Wirtshausgast, der die Meinung vertritt, dass „Sänger“ kein richtiger Beruf sei. Die, die das sagen sind, wie sie selbst zu sagen pflegen, „richtiges“ Arbeiten gewöhnt, also körperliche Anstrengung als Bauer oder Holzarbeiter. „Sie sagen, singen ist ja einfach. Ich entgegne dann aber immer, wieso sie nicht einfach selbst singen, wenn es doch so einfach ist. Dann sind sie still“, erzählt der sonst so gelassene Tomá ein wenig aufgebracht.

Nicht jedem gefällt sein Gesang, wie ab und zu vor einem seiner Auftritte klar wird: „Jetzt müssen wir noch schnell die Lieder aus dem Radio genießen, bevor der mit seinem Gejaule beginnt“, ertönt es da aus einem Eck des Wirtshauses. Aber Tomá macht sich nichts draus, schließlich hat jeder einen anderen Geschmack.

Das Singen ist bei weitem nicht Tomás einzige Passion. Ob Fußball oder Billard spielen, er ist überall mit dabei, wo in Laurein etwas Rundes ins Rollen gebracht wird. Mit großer Freude spielt er mit den Laureiner Jugendlichen Fußball, einige Male im Jahr macht er sogar bei kleineren Turnieren mit.

Obwohl die Integration sichtlich gelungenen ist, möchte Tomá nicht sein ganzes Leben in Laurein verbringen. Er möchte frei sein und hier gibt es auch nichts und niemanden, der ihn hält. Irgendwann, wenn es ihm im kleinen Dorf zu alltäglich geworden ist, wird er sich einfach vom Wind treiben lassen. Gerne würde er nach Kanada gehen, dort wollte er immer schon mal hin.